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Erstes Formel 1 Rennen: Rio 1984

Im Jahr 1983 stand Stefan Bellof mit verschiedenen Formel 1 Teams in Verhandlungen. Diese verliefen allerdings nicht so positiv wie erhofft, sodass es Anfang 1984 zu einer sehr kurzfristigen Vertragsschließung mit Tyrrell kam.

SB-Official: "1983 schien es zu einer Verbindung mit Arrows zu kommen – letztendlich erteilte Stefan aber eine Absage. Es heißt, einer der Gründe habe etwas mit Barclay, einem der Sponsoren, zu tun gehabt."

Goa: "1983 gab es Verhandlungen mit Arrows, ATS, Brabham und Tyrrell. Die Verhandlungen mit Jackie Oliver von Arrows waren dabei besonders konkret: Es sollte einen 3-Jahres-Vertrag mit einseitiger Bindung geben. Das bedeutet, hätte Stefan nicht die gewünschte Leistung erbracht, hätte Arrows ihn jederzeit feuern können. Mark Surer wäre bei Arrows bevorzugt behandelt worden und hätte die neuen Motoren bekommen, während Stefan erst frühestens ab Hockenheim besseres Material hätte fahren können. Federführend bei den Verhandlungen war Dieter Stappert. Stappert war damals als Chef der BMW Motorsport GmbH Motorenlieferant von Arrows, ATS und Brabham, dem Weltmeisterteam. Außerdem war er ein enger Freund von Rainer Braun, weshalb er einige Querelen aus der Formel 2 kannte. Der damalige Motorenlieferant Heidegger hatte damals ja die Motoren mitten in der Saison wegen nicht bezahlter Rechnungen beschlagnahmt. Am 22. Dezember gab es dann noch ein Treffen im Hotel Atlantic in Hamburg, wo intensiv nachverhandelt wurde, was letztendlich aber zu keiner Einigung führte. Stefan hat mir erzählt, dass Arrows wohl nicht wollte, dass er einige seiner persönlichen Sponsoren tragen darf. Aber das war nur in Punkt von vielen. Man muss dazu sagen, dass sich Willy Maurer, der sich aufs Stefans Seite um die Verhandlungen kümmerte, sich sehr ungeschickt verhalten und viele wichtige Personen verprellt hat. Am 4. Januar hatte sich das Thema Arrows dann auch erledigt und es kam zum Abschluss mit Ken Tyrrell."

„Bellof scheint mir im Moment schlecht beraten.“
Stappert, brennpunkt Ausgabe 2/1984, S. 5

SB-Official: "Nebenbei ist er ja noch Sportwagen gefahren. Eigentlich soll er zu Joest tendiert haben, Brun hatte dann aber doch das attraktivere Angebot."

Goa: "Das war vielleicht die offizielle Version. Ich erzähle Dir jetzt die wahren Hintergründe! Stefan war damals der bestbezahlte Fahrer auf dem Porsche 956. Finanziell wäre es für Stefan kein Unterschied gewesen, ob er für Brun oder Joest gefahren wäre. Ausschlaggebend für die Wahl war sein Freund und persönlicher Ingenieur Klaus Bischof. Bischof hatte sich nämlich mit Joest überworfen. Wäre Stefan zu Joest gegangen, hätte er Bischof nicht mehr an seiner Seite gehabt. Der hat ihm seinen Wagen ja immer so modifiziert und angepasst, wie Stefan es wirklich wollte und brauchte. Sein Fahrstil war ja sehr individuell, also brauchte er auch einen individuell angepassten Motor. Bei Joest hätte er das vermutlich nicht mehr bekommen. Ansonsten waren die Angebote gleich."

SB-Official: "Wer hat das mit Tyrrell initiiert?"

Goa: "Der Initiator war Willy Maurer. Stefan lebte zu der Zeit bereits in Monaco und rief mich an. Er meinte, er hätte nun doch Testfahrten für die Formel 1 bei Tyrrell. Martin Brundle sei fest im Team, das zweite Auto sei aber noch frei. Die Testfahrten liefen dann wohl auch sehr gut. Man muss allerdings dazu sagen, dass er mit dem unterlegenen Saugmotor fahren musste, der während der Trainings etwa 500 PS weniger Leistung hatte als die Konkurrenz, während der Rennen dann noch immer 400 PS weniger."

SB-Official: "Willy Maurer und Stefan sind ja recht spontan zu Tyrrell Testfahrten gekommen, wohl wissend, dass noch nicht alle Cockpits besetzt waren."

Goa: "Sie sind gemeinsam zu den Testfahrten nach Le Castellet gefahren. Maurer hat sich dort mit Tyrrell unterhalten, woraufhin dieser Stefan ein paar Runden hat fahren lassen. Nach wenigen Runden war Stefan so schnell wie Brundle; etwa 10 Runden später war er dann sogar schneller. Tyrrell war sehr erfreut über seine Leistung und hat Stefan direkt ein Angebot unterbreitet. Die finale Einigung erfolgte dann am 17. März, also alles sehr kurzfristig. Das Problem war, dass Stefan bereits seinen Vertrag bei Brun unterschrieben hatte, für den er einige WM-Läufe fahren sollte. Sein Fokus lag also ganz klar auf dem Weltmeistertitel. Der Formel 1-Vertrag musste also um die bestehenden Verträge herum gebaut werden. Ich muss allerdings sagen, dass Tyrrell auf keinen Fall wollte, dass Stefan weiter im Sportwagen fährt, weil er diese Autos für zu gefährlich hielt. Jedenfalls wurde der Vertrag sehr kurzfristig realisiert, sodass Stefan vollkommen unvorbereitet nach Brasilien kam, während andere schon lange Tests mit ihren Autos gefahren waren. Stefans Sitz wurde beispielsweise schon angepasst und angefertigt, als der Vertrag noch gar nicht unterschrieben war."

„Fahr doch mal ‘ne Runde.“
Ken Tyrrell, rallye racing Ausgabe 4/1984, S. 43

SB-Official: "Hattet ihr in dieser Zeit Kontakt miteinander?"

Goa: "Ja, aber nicht jeden Tag. Manchmal habe ich drei Wochen lang nichts von ihm gehört, weil er unterwegs war. Aber als er den Vertrag bekommen hat, hat er mir freudig erzählt: „Ich habe den Vertrag unterschrieben, ich bin endlich in der Formel 1! Ich fliege jetzt direkt nach Brasilien.“ Wolfang Wolf, ein Freund, ist dann an meiner Stelle mitgeflogen, weil es für mich leider zu kurzfristig war."

SB-Official: "Wurde der Einstand in die Formel 1 später noch mit der Familie zelebriert?"

Goa: "Nein, wir haben generell solche Dinge nicht gefeiert. Auch beim Schulabschluss oder bei der Gesellenprüfung nicht. Diese Dinge gehörten einfach dazu, da gab es keine Party."

SB-Official: "Hast du mitbekommen, dass bei Tyrrell die Hoffnung bestand, für 1985 TAG-Turbomotoren zu bekommen und ob das vielleicht ein Kriterium war, Stefan ins Team zu holen?"

Goa: "Tyrrell wusste zumindest, dass er mit seinen aktuellen Motoren nicht weiterkommt. Aber da TAG die Motoren bezahlt hat, hatte Stefan da nichts mit zu tun. Porsche hat auch nur den Auftrag bekommen und die Motoren entwickelt und geliefert."

SB-Official: "Hast du Stefans Formel 1 Debüt am Fernseher mitverfolgt?"

Goa: "Ja, natürlich habe ich mir das angeschaut! Es wurde natürlich nicht so gut übertragen wie heute, wo man alles aus 17 verschiedenen Kameraperspektiven gezeigt bekommt. Aber Stefan war sehr gut, leider ist er dann wegen eines technischen Defekts ausgefallen. Aber es war ja nur das erste Rennen und er war immerhin schneller als sein Teamkollege."

SB-Official: "Am 25. März 1984 feierte Stefan sein Formel 1 Debüt."

Goa: "Er startete auf Platz 22. In der ersten Runde ist er auf Platz 13 vorgerückt, in der zweiten hat er Senna überholt. In der 12. Runde ist er dann ausgefallen, weil der Gaszug gerissen ist. Stefan war in den Kurven aufgrund seiner Fahrweise sehr schnell, während ihm auf den Graden alle weggezogen sind. Das hatte mit der Motorenleistung zu tun. Heute ist es ja auch noch so, dass je nach Motor die Autos unterschiedliche Stärken haben, aber da geht es meist nur um ein paar PS. Damals lagen ja Welten dazwischen."

„So eine Leistung hätte ich von einem Neuling nie erwartet...“
Goodyear-Rennleiter Lee Gaug, rallye racing Ausgabe 5/1984, S. 10

SB-Official: "Wie war das erste Rennen?"

Goa: "Die Rennleiter waren sehr überrascht von Stefan. Beim Warmup hat er Brundle direkt überholt und war dann auch im Rennen schneller als er. Brundle ist dann als 5. ins Ziel gekommen."

SB-Official: "Habt ihr nach dem ersten Rennen miteinander gesprochen?"

Goa: "Ja, haben wir. Stefan war natürlich enttäuscht, dass er wegen des gerissenen Gaszugs ausgefallen ist. An sich war er aber auch sehr glücklich darüber, dass die Performance gestimmt hat. Und man sieht ja auch in den Zeitschriften, dass diejenigen, die schon lange im Motorsport tätig sind, seine Leistung angenehm überrascht zur Kenntnis genommen haben."

SB-Official: "Stefan hat in seiner Kolumne geschrieben, dass der Rummel in der Formel 1 riesig ist."

Goa: "Er war nie der Partytyp, aber man ist ja dauernd eingeladen worden. Von Sponsoren, von Fahrern, von jedem gab es irgendeine Veranstaltung. Da gab es wirklich gewaltige Feiern, teilweise wurde dann die Nationalhymne des Landes gespielt, in dem man gerade war. Stefan wollte aber nie lange bleiben. Er wollte lieber seine Arbeit ordentlich machen und früh genug schlafen gehen, damit er am nächsten Tag fit ist."

SB-Official: "Er hat geschrieben, dass er alte Weggefährten wiedergetroffen hat, aber keine Herzlichkeit aufkam."

Goa: "So ist das in der Formel 1. Einmal bist du dort der Neue und außerdem sind das alles keine Teams, sondern Einzelkämpfer. Und wenn du auch noch gut bist, wirst du zur Konkurrenz. Alle, die auf demselben Niveau gefahren sind, hatten Stress miteinander. Dafür kam Stefan mit den Technikern in seinem Team gut zurecht."

SB-Official: "Später wurde Tyrrell dann disqualifiziert, weil das Team das Wagengewicht mit Bleikugeln manipuliert hatte."

Goa: "Ja, das war eine sehr blöde Sache. Aber Stefan wusste ja nicht, was sie ihm da in den Tank geschüttet haben."

SB-Official: "Gab es nach Stefans Rückkehr viele Interview-Anfragen?"

Goa: "Da er in Monaco gelebt hat, habe ich davon nicht viel mitbekommen. Außerdem lief das alles über seine Agentur bei Willy Maurer. Aber viele Journalisten sind damals sogar noch im selben Flieger mitgeflogen, vermutlich ging es also dort schon los. Damals hatten noch nicht so viele Fahrer einen Privatjet, vor allem diejenigen nicht, die noch in den Anfängen standen. Heute ist das alles sehr viel steriler. Ein anderes Beispiel dafür kenne ich noch aus Dallas: Stefan kam dort im Hotel an, in dem es auch einen Pool gab. Vom Fernsehen her dachte er, die Pools seien riesig. Mir erzählte er dann: ‚Das war so ein kleines Ding, ich habe mich kaputtgelacht!‘ *lacht* Oder als er für den Empfang von Mr. Ford nicht einmal ein Sakko dabei hatte. Da musste er sich von Jochen von Osterrod, einem Journalisten, ein Sakko leihen, vom Nächsten ein Hemd und vom Dritten eine Krawatte. *lacht* So lief das damals! Heute hast du deinen Dresscode und bekommst alles von deinem Team gestellt."

SB-Official: "Damals fielen bei einem Rennen mitunter 14 Autos aus, heute vielleicht drei. Was war damals anders?"

Goa: "Früher gab es noch Warm-Ups, um sich einzufahren. Danach fuhr man dann womöglich noch seinen BMW M1 in der Procar-Serie und anschließend ging es wieder zurück zum Formel 1-Rennen. Heute kann sich das keiner mehr vorstellen, aber die haben damals wirklich den ganzen Tag im Auto verbracht. Damals waren auch die Testtage noch nicht reglementiert, da konnte man fahren, wann man wollte. Es hat natürlich auch Geld gekostet."

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