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Erinnerung an einen Haudegen

Am heutigen Dienstag vor 35 Jahren verunglückte der Gießener Rennfahrer und Langstreckenweltmeister Stefan Bellof. »Die Erinnerung an ihn geht langsam verloren«, befürchten zwei Männer aus Wettenberg und Pohlheim. Seit Jahren sammeln sie Gedenkstücke wie Poster, Autogramme und persönliche Gegenstände Bellofs. Nun suchen sie einen Raum für eine Dauerausstellung.

Der folgende Artikel erschien am 01.09.2020 in der Giessener Allgemeinen. 

VON STEFAN SCHAAL

Eine schlicht gestaltete, in einem grauen Farbton gerahmte Vitrine steht in Torsten »Hardy« Hartmanns Hausflur in Krofdorf-Gleiberg. Wer einen Blick durch die Glasscheiben wirft, entdeckt kleine Sammlerschätze: einen Schriftzug auf einem Stück Papier. Einen Ausweis, auf den vor knapp 40 Jahren behelfsmäßig ein Porträtfoto getackert wurde. Und einen goldenen Pokal, den Stefan Bellof einst als Deutscher Rennsportmeister in die Höhe reckte.
35 Jahre ist es her, als ein tödliches Unglück auf der Rennstrecke im belgischen Spa Millionen Menschen und vor allem Familie, Freunde und Weggefährten Bellofs im Kreis Gießen in Schock und Trauer versetzte. Der Gießener Rennfahrer Stefan Bellof raste am 1. September 1985 beim 1000-Kilometer-Rennen von Spa-Francorchamps nach einer Kollision mit dem Belgier Jacky Ickx mit annähernd 250 km/h gegen die Leitplanke und die dahinter montierte Mauer. Bellof, einer der talentiertesten deutschen Fahrer in der Geschichte des Rennsports, starb beim Aufprall. »Ich war damals elf Jahre alt«, erzählt Hartmann. Mit seinem Vater habe er viele Rennen vor dem Fernseher verfolgt. »Das Rennen in Spa wurde nicht live übertragen, es war ja kein Formel-1-Wettbewerb.« Er erinnere sich aber an den Bericht in der »Sportschau«. »Das hat uns getroffen«, erzählt Hartmann. »Mein Vater war niedergeschlagen. Er hat gesagt: Das war die Hoffnung, der zukünftige Weltmeister.«
Heute, dreieinhalb Jahrzehnte später, treibt den Wettenberger Hartmann, der als Krankenpfleger tätig ist, und seinen Kollegen und Freund Alexander Wissgott die Sorge um, dass die Erinnerung an Bellof mehr und mehr verblasst, auch im Gießener Land. »Alles wird kurzlebiger«, sagt der in Pohlheim lebende Wissgott. Seit wenigen Jahren gebe es auch keinen aktiven Fanclub mehr. Seit mehreren Jahren sammeln die beiden Gedenkstücke, die an Bellof erinnern und die ihm zum Teil einst gehörten. Neben Autogrammen, Modellfahrzeugen, einem originalgetreu nachgebauten Helm und seltenen Fotografien besitzen die beiden durch persönliche Kontakte mit anderen Sammlern und Stöbern im Internet auch drei Pokale. »Modellautos kann sich jeder kaufen«, sagt Hartmann. »Aber die Highlights sind Gegenstände, die er selbst in den Händen gehalten hat.« Die beiden Sammler sitzen bei einer Tasse Kaffee zusammen. Der 46 Jahre alte Hartmann ist in der Region als Sänger unter anderem der Band »Mother’s Milk« bekannt, der 49-jährige Wissgott berichtet als freier Journalist regelmäßig über Motorsport. Beide tragen Shirts, die an Bellof erinnern. Autogramme des Rennfahrers sind darauf zu sehen. Auf der linken Brustseite Wissgotts ist ein kleiner Helm in den Farben Schwarz, Rot und Gold abgebildet. Der Helm war eines der Markenzeichen Bellofs, seine damalige Lebensgefährtin hatte das Design entworfen. »Wenn ich das Shirt bei Rennsportveranstaltungen trage, werde ich auf den Helm angesprochen«, sagt Wissgott. »Fans erkennen das Zeichen sofort.«
Die beiden Rennsportfans. sammeln mit Leidenschaft Gegenstände eines Fahrers, den sie nie getroffen haben, den sie nie live bei einem Rennen erlebt, geschweige denn kennengelernt haben. Dass in Hartmanns Vitrine auch persönliche, sensible Gegenstände liegen, ist ihnen bewusst. Beispielsweise besitzt der Wettenberger ein Paar Ohrstöpsel, das Bellof einmal bei einem Rennen trug. Mit derartigen Gegenständen gehe man vorsichtig um, versichert Hartmann. Wissgott fügt hinzu: »Wir wollen keinen Personenkult betreiben.«
Die Faszination liege vielmehr im Rennsport der 70er und 80er Jahre begründet. »Die Fahrer waren Haudegen, die haben ihre Kippe noch am Rennwagen ausgetreten, bevor sie dann ins Auto gestiegen sind«, erzählt Wissgott überspitzt und mit einem Schmunzeln. »Das waren normale Menschen, nahbar und für Späße zu haben.« Bei Bellof, mit dessen Bruder er befreundet sei, komme hinzu, dass einer dieser Haudegen aus der Region, ein Gießener war. »Er war ein herausragender Rennfahrer. Aber auch eine herausragende Persönlichkeit.« Hartmann erzählt, dass Bellof mal in der Sendung »Dalli Dalli« zu Gast war. Er habe mit Harald Juhnke ein Team gebildet, sie hätten die ganze Zeit gewitzelt. »Die Aufnahme ist verschwunden, auch im ZDFArchiv gibt es sie nicht.«
Bei den Golden Oldies wollten Hartmann und Wissgott Ende Juli ihre Sammlung präsentieren. Die Gemeinde Wettenberg hatte dies initiiert und ein Zelt organisiert, in dem auch ein Nachbau des Formel1-Wagens stehen sollte, den Bellof gefahren hatte. Nach dem Ausfall der Golden Oldies wegen Corona planen die Sammler nun eine Dauerausstellung über Bellof. »Es wäre schön, wenn wir möglichst viele Gegenstände an einen Ort bekommen«, sagt Hartmann. Die beiden suchen Unterstützer, die sich an die Redaktion wenden können: redaktion@giessener-allgemei ne.de. Man habe über einen Platz in Frankfurt nachgedacht. »Aber eine Sammlung gehört hierher«, sagt Wissgott. In die Heimat Stefan Bellofs. »In die Gießener Region.«

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